Inspiration Interviews Trends 2021

Warum die „Hidden Portraits“ des Künstlers Volker Hermes in der Corona-Pandemie den Nerv der Social-Media-Community treffen

Volker Hermes, Düsseldorfer Künstler und Maler, über seine Fotoserie „Hidden Portraits“, Maskentragen in Corona Zeiten und künstlerische Selbstvermarktung in Social Media.

Volker, in deiner Fotoserie „Hidden Portraits“ verwandelst du historische Gemälde in maskierte Portraits und bekommst damit in der Corona-Pandemie sehr große Aufmerksamkeit in Social Media – vor allem bei Instagram. Was und wie ist das passiert?

Gefühlt als Letzter auf diesem Planeten habe ich mir Mitte 2019 auf Rat einer guten Freundin ein Instagram Profil zugelegt. Eher widerwillig und zugegebenermaßen skeptisch. Ich habe ohne weitere Erwartungen einige Arbeiten hochgeladen und es passierte auch nicht viel. Im März 2020 wurden dann meine Hidden Portraits von ein paar Akteuren der Plattform wahrgenommen, die ich vorher gar nicht kannte. Meine Arbeit wurde sehr wohlwollend gefeatured und in kurzer Zeit folgten mir plötzlich sehr viele Menschen. Ich bekam Nachrichten, Interviewanfragen, Kommentare aus der ganzen Welt. Das setzt sich tatsächlich bis heute fort und so sind eine größere Anzahl von Followern zusammengekommen, die immer wieder neue Kreise erschließen. Besonders freut mich, dass diese Kontakte den virtuellen Raum verlassen haben und ich zu Ausstellungen und Projekten eingeladen wurde. Ich bin inzwischen in Kontakt mit vielen Museumsleuten aus den Häusern, in denen die Originale meiner Collagen hängen und dieses Netz von Kontakten bereichert meine Arbeit enorm.

„Hidden-Vivien“ (Fotocollage 2020) von Volker Hermes

Waren die „Hidden Portraits“ zuerst da oder hat dich das Maskentragen in der Pandemie zu deiner Arbeit inspiriert? Hat sich vielleicht auch deine Arbeit durch die Pandemie verändert?

Die Hidden Portraits sind ein durchgängiges Projekt – neben meiner Malerei – seit mehr als 10 Jahren. Es geht dabei gar nicht so sehr um das Phänomen einer Maske in Zeiten einer Pandemie. Es geht um die gesellschaftliche Funktion von Porträts als Repräsentation einer Elite. Mit meinen Masken oder generell Verhüllungen, erreiche ich eine Fokusverschiebung im Umgang mit historischen Gemälden. Verkürzt ausgedrückt: Man muss sie schlichtweg einmal anders ansehen. Diese weltweiten Ereignisse, die Pandemie, die Masken sind sozusagen auf ein lang bestehendes Projekt geprallt und natürlich hat diese Ausnahmesituation Auswirkungen auf meine Arbeit. Aber viel weniger in künstlerischer Sicht als in emotionaler Sicht. Plötzlich weiß ich, wie sich so eine beengende Maske in der Realität anfühlt. Und durch die größere Wahrnehmung meiner Arbeit haben sich natürlich neue Möglichkeiten ergeben. Aber genauso wie vorher verhülle ich die Porträts in vielen Formen, Masken sind da nur ein Teilbereich.

Volker Hermes (Foto: Franz-Schuier)

Du bearbeitest alte Gemälde per Bildbearbeitung. Wie gehst du dabei genau vor? Und was ist dir wichtig dabei? Gibt es auch – limitierte, signierte – Abzüge deiner Arbeiten?

Per Photoshop forme ich aus Teilen der Gemälde neue Kopfbedeckungen, Masken, absurde Kreationen und verhülle die Gesichter. Dabei nehme ich nur das, was schon im Bild vorhanden ist, füge den Gemälden nichts von außen hinzu und achte auf die Eigenheiten der originalen Künstler. Das alles aus Respekt vor diesen grandiosen Arbeiten, die ich nicht entwürdigen oder zerstören will.  Meine Interventionen fügen sich bei aller Seltsamkeit glaubhaft in das Bild. Diese Gemälde, die eine Art Schaufenster einer Elite waren, stecken voller Anspielungen, Informationen über eine Gesellschaft, die es so nicht mehr gibt und wir nicht mehr verstehen. Deswegen ist unser Zugang etwas verkürzt. Wir schauen in Museen den Dargestellten auf Portraits intuitiv ins Gesicht, nehmen so Kontakt auf. Ich blockiere diesen Zugang, der Betrachter ist gezwungen, sich auch mit anderen Teilen des Bildes zu beschäftigen, eine neue Beziehung zu entwickeln. Heraus kommen Fotoarbeiten, bewusst zeitgenössisch, die ich in einer kleinen Auflage von 5 (+1), natürlich nummeriert und signiert produziere. 

Die Hidden Portraits sind natürlich nur ein Teil meiner künstlerischen Arbeit. Meine Malerei sieht ganz anders aus und macht mindestens genauso viel meiner Persönlichkeit als Künstler aus.

Volker Hermes

Musst du Urheberfragen klären, wenn du alte Gemälde nutzt und postest?  

Die Künstler, deren Arbeiten ich nutze, sind mehr als 75 Jahre tot, ihre Rechte somit erloschen. Ich bin zwar generell geschützt durch die Freiheit der Kunst, da meine Arbeit durchgehend und eigenständig ist, aber dennoch respektiere ich, dass einige Museen, die Rechte an den Abbildungen haben, einer Modifikation gegenüber nicht so aufgeschlossen sind. Es gibt aber immer mehr Häuser, die entscheiden, ihre Fotodateien freizugeben. Es gibt viele Sammlungen, das Metropolitan Museum in New York, das Rijksmuseum in Amsterdam, die Bilder in einem „open access“ zur Verfügung stellen. Aber es kommt vor, dass ich gerne mit Originalen arbeiten möchte, die nicht im open access zu finden sind. Dann kontaktiere ich die Museen und beschreibe meine Arbeit. In den allermeisten Fällen bekomme ich dann die Datei, weil mein künstlerischer Ansatz anerkannt wird. 

Gibt es die Frage nach Maskenporträts als Auftragsarbeiten?

Ja, die gibt es. Aber ich mache keine Auftragsarbeiten. Allerdings entstehen manchmal neue Arbeiten hinsichtlich eines Projektes, einer Fragestellung  oder einer thematischen Ausstellung. Aber grundsätzlich nur mit allen Freiheiten. 

Nutzt du zur Selbstvermarktung aktiv Social Media? Und welche Kanäle nutzt du genau?

Für einen Künstler ist es natürlich immens wichtig, seine Arbeiten auch zu zeigen. Social Media ist da eine mögliche Form, die ich auch nutze. Das ist dann ein sehr direkter Austausch ohne große Hürden, mit einer großen Reichweite. Tatsächlich muss man sich aber genau überlegen, ob diese Form auch wirklich zwingend ist, ob dieser Kanal für die eigenen Arbeiten funktioniert. Ich kann gut verstehen, dass andere künstlerische Formen nicht so geeignet sind. Bei meinen Hidden Portraits funktioniert das aber gut. Speziell nutze ich Instagram, auf Facebook lade ich meistens nur Interview-Links zur Information für meine Freunde hoch. Allerdings poste ich auf Instagram gar nicht so viel, vielleicht ein oder zweimal in der Woche. Das ist also alles andere als eine Vermarktungsmaschinerie und ich verzichte auf jeglichen privaten Content. Es geht nur um meine Arbeiten.

Produzierst du speziellen Content für Social Media?

Grundsätzlich zeige ich nur bestehende Arbeiten, die ich exakt so auch ausstelle. Sie entstehen also nicht extra für Social Media. Letztes Jahr wurde ich aber vom Kunsthaus NRW Kornelimünster im Rahmen einer Ausstellung gebeten, für einen Tag den Instagram-Kanal des Museums mit Stories zu übernehmen. Da habe ich mir dann überlegt, wie so ein Social Media Format für mich aussehen müsste, wie es zu meiner Arbeit passt. Entwickelt  habe ich kleine 15 Sekunden Clips mit Hidden Portraits als Stories. Das waren dann also tatsächlich Erfindungen für diese Plattform. 

Was hat sich für dich und deine Arbeit mit der neu gewonnen Popularität verändert?

Zu meiner künstlerischen Arbeit ist jetzt natürlich sehr viel Kommunikation hinzugekommen, die ich koordinieren muss. Gerade nach Fernsehbeiträgen war das Echo enorm. Es ist mir ein großes Anliegen, dass ich möglichst viel beantworte, meine Kunst aber dabei nicht zu kurz kommt – ich muss ihr tatsächlich bewusst Platz einräumen. Ansonsten haben sich viele wunderbare Kontakte ergeben, die neue Perspektiven ermöglicht haben und es gibt tolle Projekte. Neue Möglichkeiten, für die ich sehr dankbar bin.   

Die Fotoserie „Hidden Portraits“ zeichnet sich durch einen hohen Wiedererkennungswert aus. Selbstähnlichkeit nennt die Markensoziologie dieses Erfolgsprinzip. Ist diese Arbeit dein Markenzeichen?

Ja, meine Hidden Portraits sind gut als meine Arbeit zu identifizieren und vermutlich werde ich damit aktuell in einer öffentlichen Wahrnehmung verbunden. Überhaupt von einer Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, halte ich schon mal für ein großes Kompliment und ich bin darüber sehr froh. Aber die Hidden Portraits sind natürlich nur ein Teil meiner künstlerischen Arbeit. Meine Malerei sieht ganz anders aus und macht mindestens genauso viel meiner Persönlichkeit als Künstler aus. Mehr noch, innerhalb meiner Malerei gibt es auch noch unterschiedliche Herangehensweisen, die sich extrem visuell unterscheiden. All diese Arbeiten verfolge ich mit ganzer Kraft, Wiedererkennung hin oder her. Es gibt bestimmt eine Handschrift, aber nichts davon lässt sich mit Begriffen des Marketings beschreiben. Ich mache das, was ich als Künstler machen muss. Sollte ich Arbeiten für künstlerisch notwendig halten, die marketing-technisch katastrophal wären, für mich aber wahnsinnig aufregend und wichtig: Ich würde keine Sekunde zögern, sie zu machen. 

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel künstlerischen Erfolg, Volker!

Zur Person: Der Künstler und Maler Volker Hermes studierte an der Kunstakademie Düsseldorf und war Meisterschüler bei Dieter Krieg. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Titelbild: „Hidden-Pourbu-V“ (Photocollage 2019) von Volker Hermes

Teile diesen Beitrag

Kommentar verfassen