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Seminar ohne Körper – Was wir von Marshall McLuhan über Zoom gelernt haben

COVID-19 digitalisiert unsere Arbeitswelt schneller als wir es jemals gedacht hätten. Und es ist kaum vorstellbar, was passiert wäre, wäre das Virus fünf Jahre früher über uns hereingebrochen. Die Verlagerung der Arbeit vom Büro an den Küchentisch wird ja erst möglich durch flächendeckend eingesetzte kollaborative Medien. Fast täglich zoomen, teamsen oder skypen wir – mehrere Male. Aber was macht das gerade mit uns? Geht das spurlos an uns als Person und an unserem Umgang miteinander vorbei? Eine interessante Antwort auf diese Frage hat uns der Medientheoretiker Marshall McLuhan schon in den 60er Jahren gegeben.

Mit seiner These „The Medium is the Message“ provozierte der eigensinnige Kanadier schon in den frühen 60er Jahren. Entscheidend ist nach McLuhan, wie jedes Medium auf seine Art und Weise unsere menschliche Wahrnehmung und unser Denken beeinflusst – unser Sensorium „massiert“, wie er sagt. Nicht so sehr der Inhalt der Botschaft ist nach McLuhan entscheidend, sondern die Wirkung. Denn erst die Wirkung beziehe die Gesamtsituation, also auch das Medium mit ein.

Für den Philisophen McLuhan sind Medien eine physische oder psychische Erweiterung des Menschen bzw. unserer Sinnesorgane. In seinem Buch „Understanding Media“ erklärt er dazu: „Any invention or technology is an extension or self-amputation of our physical bodies, and such extension also demands new ratios or new equilibriums among the other organs and extensions of the body.“ Heißt: So wie das Rad den Fuß erweitert, erweitert beispielsweise das Buch unser Auge. Dabei gewinnen wir eine Fähigkeit, verlieren dafür aber vielleicht eine andere. Der Taschenrechner nimmt uns die Fähigkeit des Kopfrechnens, das Navigationssystem den Orientierungssinn. Das Gleichwicht zwischen unserem Körper und seinen Erweiterungen durch neue Medien muss nach McLuhan also jedes Mal neu verhandelt werden.

Körperlose Präsenz

Ein Satz McLuhans, der in diesem Zusammenhang meine besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, lautet: „Wenn wir am Bildschirm sind, sind wir nur ein Bild „on air“, dann haben wir keinen physischen Körper. Wenn wir keinen Körper haben, sind wir aussortierte Wesen, mit einer völlig anderen Beziehung zur Welt um uns herum…“. Oder kurz: Wir sind da, ohne wirklich da zu sein.

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„Wenn wir am Bildschirm sind, sind wir nur ein Bild „on air“, dann haben wir keinen physischen Körper.“ | Marshall McLuhan 1977 (ab Minute 4:00)

„Wir formen unsere Werkszeuge, und dann formen die Werkszeuge uns,“ folgert McLuhan. Daher fordert er das Publikum in seinen provokativen Auftritten auch immer wieder auf, herauszufinden, wie ein Medium in spezifischer Weise unsere Wahrnehmung, unser Denken, und unsere Wirkung beeinflusst. Tun wir das also! Was bedeutet seine Erkenntnis beispielsweise für die coronabedingt verstärkte Nutzung von „Bildschirm“-Medien wie Skype, Zoom oder Teams im Geschäfts- oder Privatleben? Ein Beispiel aus unserer eigenen Praxis lässt ahnen, dass das nicht spurlos an uns vorbei geht.

Unsere Seminare rund um die Themen Content Marketing, Storytelling und Kreation an der Deutschen Akademie der Medien und der Leipzig School of Media gestalten und moderieren wir bewusst zu zweit, der strategische Kreative und der kreative Stratege. Wir sind beide vor Ort in einem ansprechenden Ambiente. Durch die physische Anwesenheit und unsere komplementären Persönlichkeiten prägen wir die Inhalte und deren Vermittlung bewusst. Diese Art des dualen Lehrens und Coachens haben wir bewusst gewählt. Denn durch das Feedback unserer Kursteilnehmer*innen haben wir gelernt, dass genau dieses Format als Bereicherung und kreative Herausforderung geschätzt wird. Man lernt den Lehrstoff aus mehreren Perspektiven kennen und kann sich selbst ein umfassenderes Bild der komplexen Materie machen.

Any invention or technology is an extension or self-amputation of our physical bodies.

Marshal McLuhan

Auch für uns als Dozenten ist jedes Präsenzseminar aufs Neue spannend. Wir ergänzen die Diskussion und die Gruppenarbeiten bewusst durch das, was wir „zwischen den Zeilen“ mitbekommen – also in den Augen, der Haltung und der Gestik der Teilnehmer während des Vortrags lesen: Stolz, Freude der Erkenntnis, aufkommende Zweifel, manchmal sogar Verzweiflung. Und wir gehen darauf ein. In den vier Tagen sprechen unsere Teilnehmer viel mit uns und miteinander. Sie lernen, vermitteltes Wissen gemeinsam anzuwenden und sich zu vertrauen. Sie wachsen als Strategie- und Kreativteam zusammen und arbeiten am Ende wie in einer kleinen Agentur hochmotiviert zusammen. Die Dynamik ist immer wieder beeindruckend zu sehen und macht uns „happy“.

Amputierte Empathie

Zu Beginn des Jahres zwang Corona uns aber mit einem Mal, unsere Seminare nicht mehr live vor Ort, sondern über Online-Dienste abzuhalten. Nach der ersten eineinhalbstündigen Webex-Erfahrung wurde uns aber schnell klar: Unser Kursrezept bei einem mehrtägigen Seminar auch in einer Online-Gruppe durchzuziehen wird eine Herausforderung. Zwar sind die Teilnehmer*innen bildlich gesprochen „da“, aber der Bildschirm beraubt uns, wie McLuhan sagt, ihrer physischen Präsenz und damit möglicherweise unserer Empathie. Außerdem bringt es unser motivationsorientiertes Seminar in das behagliche Umfeld von Wohnzimmern und Küchen. Und was immer das mit den Teilnehmer*innen macht, konnten wir nur erahnen.

Präsenz ohne Körper – der Alltag in Zeiten der Epidemie.

Unsere Skepsis zu Beginn der Pandemie war daher groß: Können wir unsere Studierenden inspirieren, ohne bei ihnen zu sein? Können wir sie bei der ersten praktischen Anwendung unserer Tools dennoch ermutigen oder moralisch unterstützen? Trotz anfänglicher Zweifel haben wir es ausprobiert. Schon beim ersten Mal haben wir vieles über die Wirkung der „neuen“ Medien in diesem neuen Kontext gelernt und in unsere Seminare integriert:

  • Essentiell ist die Sichtbarkeit unserer Kursteilnehmer per Video. Auch wenn wir da nur „Bilder ohne Körper“ sehen: Nichts ist für einen Dozenten frustrierender als in einen anonymen Raum hinein zu reden, ohne die Reaktion der der Teilnehmer*innen zumindest zu erahnen. Ist versteckt hinter dem Hunde-Avatar oder den Buchstaben überhaupt noch jemand da? Es ist soziale Deprivation in Reinform. Die Kameras schalten wir – mit dem Einverständnis der Teilnehmer –also nur noch während der Pausen aus. Oder in Ausnahmefällen. Und das läuft sehr gut.
  • Wir haben die Vorstellungsrunde zu Beginn des Online-Seminars im Verhältnis zum Seminar vor Ort ausgebaut. Die Teilnehmenden dürfen sich ausführlicher als bisher vorstellen, mit ihrem individuellen Background, Erwartungen und persönlichen Erfahrungen. Wir möchten allen das anfängliche Fremdeln, dass sich im realen Leben schon durch den ersten Händedruck, das erste gemeinsame Lachen oder in der ersten Kaffeepause verliert, zumindest durch ein erstes „Gefühl“ füreinander nehmen. Jeder darf sich profilieren, seine Persönlichkeit und Identität im virtuellen Team finden und sie später behaupten.
  • Durch regelmäßige und zeitlich exakt terminierte Pausen können sich die Teilnehmer in ihren häuslichen Leben weiter organisieren, sprich den Hund Gassi führen, wichtige Anrufe tätigen oder die Kinder von der Kita abholen. Ihr Körper kann sozusagen im echten Raum weiter „funktionieren“, während wir mit dem Bild Vorlieb nehmen müssen. Auch eine Frage des disziplinierten Timings der Lerneinheiten. Pausen sind also nicht nur für die Erholung des Geistes wichtig.
  • Technisch ist es uns möglich, die verschiedenen Arbeitsgruppen individuell zu coachen: Wir „beamen“ uns von Raum zu Raum. Merkwürdig, manchmal lustig und auch überraschend, aber gut.
  • Und trotz aller Bedeutung der Wirkung: Content matters. Auch wenn die Art und Weise der Darstellung angepasst werden muss.

Der verlorene Drink

In der allerletzten Breakout-Session am letzten Tag unseres ersten Zoom-Seminars stellten wir während unseres „Beamens“ durch die Gruppen erstaunt fest, dass die Teilnehmer*innen, statt sich der letzten Aufgabe zu stellen, über die eigenen Arbeitswelten und gemeinsame Herausforderungen ihrer unterschiedlichen Jobs plauderten. Sie wollten sich selber reflektieren und voneinander lernen. Es ist der Austausch, der normalerweise beim gemeinsamen Mittagessen, in der Kaffeepause oder beim Drink abends an der Hotelbar jenseits des formellen Seminar-Plans stattfindet. Diese Gelegenheiten hatte das Medium ihnen genommen. Sie versuchten jetzt, den verpassten Erfahrungsaustausch untereinander noch schnell und in letzter Minute aufzuholen. Das Bedürfnis, sich untereinander und informell auszutauschen und voneinander zu lernen, haben wir jetzt auf dem Schirm. Auch die vertraulichen, persönlichen Fragen in Pausen an uns Referenten zur Anwendung des Gelernten fanden auf Zoom kaum mehr Raum. Diesen Austausch können wir aber erfreulicherweise nachholen, durch verstärktes Nachfragen in persönlichen Anrufen und Mails in den nachfolgenden Wochen. Dafür nehmen wir uns jetzt bewusster Zeit.

Mit geschärftem Bewußtsein

Wir können die aktuellen Herausforderungen sicher nicht mit Mitteln von gestern bewältigen. Die digitalen Medien helfen uns – enorm. Deren intensivere und inzwischen alltägliche Nutzung formt uns aber, so wie McLuhan es vorausahnte. Sicherlich nicht nur in unseren Seminaren, sondern auch im täglichen Miteinander, in unserer Zusammenarbeit mit Partnern und Kunden, sogar in der privaten Freundschaft stellen wir ähnliche Effekte fest. Nicht nur Corona verändert die Gesellschaft, auch die dadurch boomenden Medien tun es. McLuhan wies darauf hin, dass die medial induzierte Subtraktion auch schnell zum Verlust der eigenen Identität führen kann – Menschen verschmelzen gefühlt zur Masse. Gefährliche Nostalgie und Gewalt seien die Begleiterscheinungen dieser Veränderung. Menschen wollen dann wieder herausfinden, wer sie waren bzw. wer sie sind – sei es durch den verklärten Blick in den Rückspiegel oder durch errungene Aufmerksamkeit durch Gewaltaktionen, warnt der Philosoph McLuhan vor den Auswirkungen dieser Effekte.

Dass die Thesen des Visionärs so allgegenwärtig sind hatten wir vor Corona nicht geahnt, vielleicht auch, weil sie nicht ganz einfach zu verstehen sind. Es sind Provokationen, die zu Denken geben: Medien sind die Extension unserer selbst und verändern uns. Sie nehmen uns auch etwas weg, subtrahieren gelernte Fähigkeiten. Diese Veränderungen haben in diesem Jahr nochmals an Geschwindigkeit gewonnen. Seien wir uns dessen bewusst.

Ausstellungstipp zum Thema:

Inspiriert wurder dieser Artikel durch meinen Ausstellungsbesuch im Frankfurter Museum für Kommunikation: #Feedback 5: Global Warning – Marshall McLuhan and the Arts, (Oktober 2020 bis 31. Januar 2021). Die Ausstellung nimmt Voraussagen von Marshall McLuhan zum Anlass für eine Konfrontation mit zeitgenössischer Kunst. Die Künstler Darsha Hewitt, Christof Migone, Stephanie Syjuco und Mogens arbeiten mit neuen Medien und durchdringen mit ihren Kunstwerken ihren Einfluss auf die Gesellschaft. Wie McLuhan sagte, reflektieren sensible Künstler*innen in ihren Werken Technologieerfahrungen, Veränderungen der Wahrnehmung und das Verständnis unserer Welt durch Medien. So werde zeitgenössische Kunst zum Frühwarnsystem unserer Gesellschaft.

Fotos: unplash.com (gabrielbenois, cookie-the-pom, Museum für Kommunikation, Frankfurt)

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