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Und es hat Zoom! gemacht: Juryarbeit im Homeoffice – ein Rückblick auf den ADC 2020

Eine etwas andere Nachbetrachtung in persönlichen Statements der Jury 7 auf das #adcfestival2020

Eigentlich sollte das ADC Festival des Art Directors Club für Deutschland e.V. vom 12. bis zum 24. Mai in Hamburg stattfinden. Eigentlich sollten die Jurys im Volksparkstadion des HSV tagen. Eigentlich sollte die Preisverleihung auf Kampnagel gefeiert werden. Eigentlich stand das Festival unter dem Motto „The Power of No“. Wie gesagt: eigentlich!

Das Motto des ADC Festivals 2020

Dann kam Corona. Und damit eine ganz besondere Herausforderung für das ADC Team. Ja oder nein zu einem digitalen Festival? Alles in zwei Monaten neu aufstellen, organisieren und programmieren? Na, warum eigentlich nicht, hat sich das ADC Team gesagt. Und mit einem großen „Yes!“ das erste virtuelle Festival des Kreativklubs seit seiner Gründung im Jahr 1964 ermöglicht.

Und dann es hat Zoom! gemacht: 438 Jurymitglieder – aufgeteilt auf 30 Jurys – sichteten, diskutierten und bewerteten via Videokonferenzplattform Zoom über 7000 Arbeiten online. Wir beurteilten in unserer Jury 7 (Film IV) – dessen Juryvorsitz ich auch dieses Jahr wieder übernehmen durfte – Unternehmensfilme, Promotionspots und Point of Sale Filme.

Hier zwei Arbeiten, stellvertretend für alle tollen Arbeiten, die die Jury 7 begeistert haben:

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„A campaign is truly special when all your non-ad friends start sharing and liking it! And specifically about the film: every single vignette brings a smile to your face. The edit and sound are also spot on. Brilliant insight, backed up by great craft. Bingo. With that said, I personally believe this is one of Germany’s best campaign I’ve seen in years. Local yet universal. Relevant and light-hearted. And extremely well produced. Kudos to those involved.“ – Ricardo Wolff

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„Ein beklemmender und zugleich emotionaler Film, der auf die tragische Flüchtlingssituation auf unseren Weltmeeren hinweist. Der Spot kommt mit einer einzigen Einstellung aus, was ihn besonders realistisch erscheinen lässt. Der Zuschauer wird mitfühlender Zeuge, wie ein Flüchtlingsjunge in den tiefen Wassern des Meeres versinkt und etwa 60 Sekunden lang die Luft anhalten kann. Dann muss er panisch nach Luft schnappen. Unter Wasser! Jeder erahnt nun, was für ein schreckliches Unglück passieren wird. Ein Film, der aufwühlt und zur kritischen Selbstreflexion anregt.“ – Henning Patzner

The Power of Yes

Und was uns in dieser Jury besonders am Herzen liegt, sind die Semester-, Abschluss- und Praxisarbeiten im Bereich „Film der Junioren“. Hier eine Semesterarbeit der Junioren, die die Jury begeisterte:

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„Skurriles Casting, selbst mit dem Fisch als eigenen Charakter, realistische Special Effects und eine echt schräge Story – handwerklich perfekt umgesetzt. Vielleicht ein paar Sekunden zu lang, aber keinen Augenblick langweilig. Super Semesterarbeit.“ – Michael Preuss

Es wurde um jede Nachwuchsarbeit in der Jury wortwörtlich gekämpft.

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„Bei vielen Filmen fragte ich mich „Ist das Satire oder kann das weg?“. Bestes Beispiel: ZMS „Frissy“ – ein Musikclip, der sexistische YouTube Kommentare in Form eines sarkastischen Raps reproduziert. Weil das aus dem Clip zweier Hochschulstudentinnen nicht klar hervorgeht, wäre der Beitrag beinahe nicht ausgezeichnet worden. Doch wir wären nicht der ADC, wenn wir nicht provokante und mutige Ideen honorieren würden. Vor allem, wenn sie zum Ohrwurm werden. Dafür drück ich ein Like.“ – Jacques Pense

Insgesamt wurde der ganze Online-Voting-Prozess von unserer Jury gelobt.
„Unsere diesjährige Juryarbeit via Zoom hat viel besser geklappt, als erwartet. Alle waren respektvoll und konstruktiv; man hat sich ausreden lassen, keiner hat ellenlange Monologe gehalten, Diskussion sind nicht aus dem Ruder gelaufen und es gab dennoch die flammenden Plädoyers und Diskurse, ohne die eine ADC Jury undenkbar wäre. Ein persönliches Treffen wäre selbstverständlich noch schöner gewesen, aber weil wir eine so motivierte, heterogene Truppe waren, einen aufgeweckten und kollaborativen Jury Vorsitzenden hatten und sicher auch, weil die Technik unglaublich störungsfrei lief, hat es richtig Spaß gemacht.“ – Asta Baumöller

„Jurieren und mit den besten Kreativen über die besten Arbeiten zu diskutieren, ist immer spannend und macht sogar per Videokonferenz Spaß – dank ganz viel Offenheit, Wertschätzung und Benimm. Eine Referenz dafür, dass ich diesem neuen Normal sogar was abgewinnen konnte – auch wenn beim abschließenden Zuprosten keine Gläser klirrten.“ – Michael Preuss

Gelungener „Vor-Voting-Prozess“

Auch der „Vor-Voting-Prozess“ der 106 Filme wurde gelobt:
„Was der ADC fürs nächste Jahr unbedingt übernehmen sollte: die Einreichungen den Jurymitgliedern schon vorher online zugänglich zu machen. Dann ist man nicht nach dem ersten Jurytag platt vom Sichten, sondern hat alle Energie für die Diskussion.“ – Marc Strotmann

„Die Juryarbeit in Corona Times lief eigentlich viel besser als erwartet. Sehr hilfreich war es für uns alle, die Filme und Arbeiten vorab sichten zu können mit Zeit und Muße. Die eine oder andere Perle schaffte es so, aus verborgenen Tiefen hinauf ins Licht zu gelangen und hinein in unser Bewusstsein. Diese vorab Aussendung wäre also bestimmt eine Sache, die unbedingt beibehalten werden könnte.“ – Niko Karo

Es gibt natürlich auch Optimierungsbedarf in den Filmkategorien.
„Die Kategorie POS finde ich überarbeitungswürdig. So wie sie jetzt steht und angewandt wird, erscheint sie mir nicht mehr zeitgemäß. In der User Journey hat durch das Smartphone der Point of Sale eine ganz neue Bedeutung bekommen. Das sollte in Zukunft berücksichtigt werden.“ – Tobias Eichinger

Niko hat allen in unserer Jury aus dem Herzen gesprochen:
„Ansonsten macht natürlich die gemeinsame Sichtung und der intensive Diskurs, die eigentliche Schönheit der Juryarbeit aus. Was mir aber etwas fehlte, war das konzentrierte gemeinsame Sichten, der nochmals zur Diskussion gestellten Arbeiten. Das ist in der Regel ein sehr magischer Moment, der diesmal leider ganz privat im Hintergrund lief.“

Adé, Werbeklischee!

Und zum Abschluss noch eine interessante Beobachtung von Jacques:
„Adé, Werbeklischee! Was mich sehr erfreute: Werbung ist keine Werbung mehr. Denn stereotype Zielgruppen-Inszenierung und platte, unglaubwürdige Werbeversprechen waren kaum mehr zu sehen. Was heute zählt, sind Authentizität und Ehrlichkeit. Reklame ist passé!“

Mein Fazit:
Die Premiere des ersten virtuellen ADC Festivals ist gelungen. Der Online-Voting Prozess war ein Erfolg. Zumindest in unserer Jury. Die Zukunft des ADC Festivals könnte ein hybrides Festival sein, bestehend aus einem digitalen Vor-Voting und einer analogen Jurysitzung – gerne auch im Volksparkstadion des HSV. Der Höhepunkt wäre eine analoge Awardshow, die via Livestream in die Sozialen Medien übertragen wird. Das könnte eine perfekte Blaupause für alle Kreativfestivals weltweit werden. Weiter so, liebes ADC Team.

Wir freuen uns auf das Festival 2021!

Ein herzlicher Dank an meine Jurykollegen*innen (Film IV): Asta Baumöller, Tobias Eichinger, Klaus Funk, Nikolai Karo, Benjamin Lommel, Henning Patzner, Jacques Pense, Michael Preuss, Peter Römmelt (Juniorpate), Philipp Schmalriede, Julia Stackmann, Marc Strotmann, Martin Terhart und Ricardo Wolff.

Titelbild: Screenshot | Carsten Bolk

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