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Zwischen Content, Corona und Kinderbetreuung – Doktor Allwissend über sein Leben als Influencer

Borja Schwember aka Doktor Allwissend, im Interview über seine YouTube-Karriere, das Leben und Arbeiten in der Corona-Quarantäne und seinen Instagram Account @nurmeintag

Du bist schon seit 2011 mit der Figur „Doktor Allwissend“ als Influencer bei YouTube und Twitter. Wie bist du dazu gekommen?

Ich habe meinen Youtube-Kanal „Doktor Allwissend“ 2011 gestartet, gehöre also zu den YouTube-Urgesteinen Deutschlands. International gab es damals schon eine recht aktive Community und da kamen natürlich auch meine Vorbilder her. Amerikanische YouTuber wie die „Vlogbrothers“ oder – der eigentlich schon vor YouTube bekannte – „ZeFrank“ haben mich damals ziemlich begeistert. Da gab es Leute, die einfach aus ihren Wohnzimmern heraus Videos machten und zwar nicht nur von ihren Katzen, sondern richtig unterhaltsame Shows. Das war zu der Zeit völlig neu und irgendwie wollte ich auch so etwas machen. Zwar hat es dann noch eine Weile gedauert bis ich mich getraut habe, aber dann war Doktor Allwissend da.

Und was hat sich in den Jahren für dich und deinen jeweiligen Kanal geändert?

Geändert hat sich im Laufe der Jahre natürlich viel. Anfangs war der Kanal nur ein Hobby, mein Geld verdiente ich als Mitarbeiter in einem Wissenschaftsverein. Aber nach etwa einem Jahr stiegen die Zuschauerzahlen rasant. Das YouTube-Partnerprogramm brachte erste Einnahmen und auf den VideoDays bildeten sich Trauben von Zuschauern um mich, die mit mir Fotos machen wollten. Es war schon verrückt. Dank zusätzlicher Markenkooperationen konnte ich irgendwann davon leben und war hauptberuflich Influencer. Mittlerweile habe ich einen Webvideopreis gewonnen, war im Fernsehen und habe ein Buch veröffentlicht. Das alles habe ich mir, als ich damals angefangen habe, natürlich nicht vorstellen können.

Aber auch YouTube hat sich verändert, vor allem inhaltlich. Früher war ich begeisterter YouTube-Zuschauer, heute kann ich mit vielem, dass da so läuft, nichts mehr anfangen. Da hatte ich dann auch schon mal eine Sinnkrise und habe mich gefragt, ob ich überhaupt noch YouTuber sein will. Aber ich denke, ich habe meine Nische gefunden.

„Theoretisch ist Influencer der perfekte Job für diese Krise, denn Content kann man auch von zu Hause aus produzieren.“

Doktor Allwissend

Das Leben ist durch das Coronavirus derzeit massiv eingeschränkt. Du lebst mit deiner Familie in Bozen/Italien. Beeinträchtigen die derzeitigen Umstände, wie zum Beispiel die Ausgangsbeschränkungen, deine Arbeit als Influencer?

Theoretisch ist Influencer der perfekte Job für diese Krise, denn Content kann man auch von zu Hause aus produzieren. Aber die Einschränkungen machen natürlich auch uns zu schaffen. Wir haben zum Beispiel einen kleinen Sohn, der jetzt nicht in den Kindergarten geht und uns nun hier zu Hause viel Aufmerksamkeit abverlangt, während wir eigentlich arbeiten wollen. Dazu kommt, dass ich manchmal zu Dreharbeiten nach Deutschland muss. Das ist jetzt natürlich erst mal nicht möglich und einige Projekte sind gerade auf Standby.

Reagierst du aktuell in deinen Beiträgen auf die neue Situation?

Auf YouTube nicht. Die Videos von Doktor Allwissend waren schon immer eher zeitlos. Ich bin selten auf aktuelle Themen eingegangen. Aber auf Instagram geht es bei mir viel um meinen Alltag und da ist natürlich auch die Pandemie und die besondere Situation hier in Italien ein Thema.

@nurmeintag

Auf Instagram kann man dich @nurmeintag finden. Dort dokumentierst du deinen Alltag. Wie sind deine Erfahrungen mit diesem Format? Und warum bist du dort nicht als Doktor Allwissend unterwegs?

Ursprünglich war ich dort auch Doktor Allwissend. Das Format #nurmeintag habe ich vor zwei Jahren angefangen. Für 100 Tage habe ich jeden Tag ein 40-60 Sekunden langes Video mit unkommentierten kurzen Szenen aus meinem Leben gepostet. Die Idee damals war, meinen ganz schnöden, langweiligen und gewöhnlichen Alltag zu zeigen, praktisch als Gegenstück zur Glamour- und Highlight-Show, die man sonst dort sieht. Das fand tatsächlich eine gewisse Zuschauerschaft und ich habe drei „Staffeln“ davon gemacht. Seit diesem Jahr ist daraus eher ein modernes Daily-Vlog-Format geworden und das ist mittlerweile erstaunlich erfolgreich. Also habe ich den Kanal auch in @nurmeintag umbenannt und betreibe das Ganze als zweites großes Projekt.

Du kooperierst auch mit Marken, machst also richtig Werbung. Wie gut funktioniert das? Wie arbeitest du mit Werbetreibenden zusammen?

Ich arbeite meist mit Agenturen zusammen, die für ihre Kunden eine Influencer-Kampagne machen. Wenn die Kampagne zu mir und meinem Kanal passt, denke ich mir dann zusammen mit Agentur und Kunden eine Umsetzung auf YouTube bzw. auf meinen Social-Media-Kanälen aus. Je nach Idee produziere ich das Ganze dann selber oder mit der Agentur zusammen.

Welche Tipps kannst du Neu-Influencern geben?

Ich kann mir gar nicht so richtig vorstellen, wie es ist, heute komplett neu anzufangen. Die Landschaft ist ja eine ganz andere. Aber ich glaube, es ist nie verkehrt, das zu machen, was man selber gut findet und dann einfach zu gucken, was draus wird. Planen kann man das eh nicht.

Und zum Schluss: Bist du ein richtiger Doktor?

Es mag überraschen, aber nein. Ich habe zwar einen Studienabschluss und vielleicht macht mich das in manchen Influencer-Kreisen schon zu so etwas wie einen Intellektuellen, aber von einem richtigen Doktortitel bin ich meilenweit entfernt.

Vielen Dank, Borja!

Zur Person:
Der Video-Creator Borja Schwember ist ausgebildeter Koch und Kommunikationswissenschaftler. Unter dem Pseudonym „Doktor Allwissend“ hat er 2011 bei YouTube und Twitter als Influencer gestartet. Er lebt mit seinem Sohn und seiner Freundin in Bozen/Italien.

Titelbild: Collage Doktor Allwissend | YouTube

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