Interviews

„Künstliche Intelligenz hat die Schachszene schon immer geprägt!“

Stefan Meyer-Kahlen, Erfinder und Programmierer des Schachprogramms „Shredder“, über Künstliche Intelligenz, die Schachweltmeisterschaft 2018 und den Nutzen von Schachprogrammen.

Die Schachweltmeisterschaft zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana ist gerade zu Ende gegangen. Wie beurteilst Du den Verlauf mit zwölf Remis und dann einer Entscheidung im Stichkampf?

Ich denke, es ist schwer vermittelbar, dass es bei einem Entscheidungswettkampf um die Schachweltmeisterschaft in zwölf Partien keinen Sieger gab und die Partien zwölf Mal unentschieden ausgegangen sind. Aus schachlicher Sicht ist schon einiges passiert, in einigen Partien waren die Remis auch sehr knapp, aber trotz allem war der Verlauf doch eher enttäuschend. Ein Grund dafür ist sicher, dass beide Spieler sehr gut vorbereitet waren. Es ist Standard, das sich die Topspieler mit Hilfe von Schachprogrammen auf Ihre Partien vorbereiten und alles mit Hilfe der Computer vorab überprüfen. Wenn der Gegner einen unerwarteten Zug spielt, den man in seiner Heimanalyse nicht beachtet hat, dann geht man in der Regel davon aus, dass dieser Zug mit Hilfe von Schachprogrammen gecheckt wurde und wohl gut spielbar ist. Man lässt sich auf keine Scharmützel mehr ein und nimmt jedes Risiko aus dem Spiel. Die Folge ist dann oft ein Remis.

Du meinst also, dass die Schachprogramme einen Einfluss auf das Schachspiel der Menschen haben?

Oh ja, ganz sicher. Shredder und andere Top-Programme spielen heute viel, viel stärker als jeder menschliche Spieler. Auf höchster Spielstufe macht es keinen Sinn mehr, gegen sie anzutreten. Als Analysehilfe sind sie jedoch ein unverzichtbarer Partner. Der Spielstil der Top-Spieler hat sich im Laufe der Jahre auch etwas verändert. Früher hatte man mehr Grundregeln und Prinzipien, nach denen man spielte. Züge, die nicht diesen Prinzipien entsprachen galten als fragwürdig und und wurden unter Profis nur in Ausnahmefällen gespielt. Die Computer haben jedoch gezeigt, dass Schach viel facettenreicher ist und dass die „alten“ generellen Prinzipien doch viel zu allgemein waren. Schach ist viel konkreter und wenn man etwas durch eine sehr tiefe Computeranalyse nicht widerlegen kann, dann ist es wohl gut.

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Dein Schachprogramm Shredder hat 1992 das Licht der Welt erblickt. Wie ist es dazu gekommen?

Ich spiele seit meinem 10. Lebensjahr selber Schach. Nach der Schule habe ich Informatik studiert, so dass es eigentlich naheliegend ist, dass ich beide Interessen miteinander kombiniert habe. Ich bin damals sehr lange um das Thema Schachprogramm herumgeschlichen und habe mich nicht so recht getraut, ein eigenes Schachprogramm zu schreiben. Demotivierend kam auch noch hinzu, dass mein Informatik-Professor, der auch gut Schach spielen konnte, mir damals dringend davon abgeraten hat. Ist doch alles Zeitverschwendung und so gut wie die Profis wird man eh nie. Na ja, ich habe es dann doch gemacht und lebe seit dem Studium davon.

Wie würdest du die Entwicklung des Schachprogramms bis heute beschreiben?

Die Entwicklung ging rasend voran – die Software wurde immer besser und die Hardware immer schneller. Mittlerweile haben menschliche Spieler keine Chance mehr gegen Computer, so dass die Computer untereinander in einer eigenen Liga spielen. Als Trainings- und Analysehilfe sind sie aber spitze. Man hat immer einen starken Spieler und Ratgeber zu Hand. 

Du experimentierst gerade mit maschinellem Lernen und dem Programm TensorFlow. Welchen Einfluss wird das auf Shredder haben? Und wie wird Künstliche Intelligenz die Schachwelt und die Gaming-Szene beeinflussen?

„Künstliche Intelligenz“ hat die Szene schon immer sehr geprägt. Schließlich ist es doch schon intelligent, dass ein Schachprogramm überhaupt so gut spielen kann. Auch in der Gaming-Szene ist das seit langem ein Thema: Man denke nur an die Computergegner und Mitspieler in diversen Shootern oder Sportspielen. Die wurden im Laufe der Zeit auch immer besser.

In den letzten Jahren gab es aber unglaubliche Fortschritte – allgemein bekannt unter dem Namen „Deep Learning“. Was hier alles möglich ist, hat man vor nicht allzu langer Zeit noch als unvorstellbar angesehen: Spracherkennung, Bilderkennung, autonomes Fahren und alles rund um „Big Data“. Überall gab es riesige Fortschritte und viele neue Anwendungen. Ich bin sicher, dass wir hier noch lange nicht am Ende sind.

Auch Shredder hat sich verändert und viele Dinge, die ich früher von Hand programmieren und tunen musste, werden nun automatisch gelernt. Gerade arbeite ich daran, dass Shredder selbst lernt, wie er besser Schach spielen kann. Das Ziel ist, das Shredder mit sich selbst spielt, rechnet, sich selbst optimiert und am Ende spielt er besser als vorher. Ich denke, das wird wohl funktionieren – vor kurzem war auch das noch unvorstellbar.

Wie bist du auf den Namen Shredder gekommen?

Ich war damals sehr viel Windsurfen, und da zershreddert man mit seiner Finne am hinteren Brett die Wellen. Im Laufe der Zeit hat sich die Bedeutung aber etwas geändert: Shredder soll seine Gegner kleinshreddern.

Ist Shredder heute eine eigenständige Marke? Könntest du dir unter dem Markennamen Shredder auch andere Spiele vorstellen?

Eher nicht, Shredder ist schon ziemlich auf Schach beschränkt.

Wie gehst du mit Social Media um? Nutzt du Twitter, Facebook oder andere Kanäle um mit der Schach-Community zu kommunizieren?

Hier läuft vieles über Foren und Schachclubs bzw. Schach-Communities und Schachserver. Mit Facebook und Twitter mache ich nicht so viel.

Stefan-Meyer-Kahlen_1_Foto©Carsten-Bolk
Stefan Meyer-Kahlen

Was bedeutet Schach für dich selber? Und was bedeutet Schach für die Spielerinnen und Spieler in Zeiten der „Maschinellen-Überlegenheit“ durch Künstliche Intelligenz (KI) und Deep Learning von Schachprogrammen?

Für mich ist Schach immer noch ein tolles Hobby. Seit zwei Jahren spiele ich – nach sehr langer Pause – nun auch wieder aktiv selber im Verein. Das ist schwierig für mich, da ich nun auf einem viel geringeren Level als mit Shredder spiele. Nach der Partie zeigt mir Shredder dann auch immer sehr schnell, was ich alles falsch gemacht habe.

Die Computer spielen weit besser als die Menschen, Schach wird es trotzdem weiter geben. Ein Problem ist, dass so mancher Sportsfreund es sich nicht nehmen lassen will, während seiner Partie ein Schachprogramm heimlich zu Rate zu ziehen. Das ist natürlich streng verboten, kommt aber immer wieder einmal vor und hat sogar dazu geführt, dass es bei großen Turnieren Metalldetektoren für die Spieler gibt. 

Wann kommt Shredder 14?

Shredder 14 kommt 2019 auf den Markt – und dann schon mit vielen selbst gelernten neuen Dingen. 

Vielen Dank, Stefan!

Zur Person: Stefan Meyer-Kahlen ist ein deutscher Programmierer und lebt in Düsseldorf. Im Jahr 1992 erschien die erste Version seines Schachprogramms Shredder, seitdem wird es von ihm ständig weiterentwickelt. Bis Januar 2017 hat sein Programm bereits 18 Titel als World Computer Chess Champion gewonnen. Vier der Titel waren Blitz-Meisterschaften, einer davon war eine Chess960-Meisterschaft. Das Schachprogramm wird vom Autor für Windows, Linux und Mac OS selbst vertrieben. Es gibt auch eine Version für iPhone, iPad und Android. Mehr über Shredder erfahrt ihr unter www.shredderchess.de

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