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Der Fall Lil Miquela und das neue Geschäft mit virtuellen Influencern

Die Geschichte von @lilmiquela ist ein Meisterstück des transmedialen Storytelling. Sie ist aber auch ein faszinierendes Beispiel dafür, wie ein Unternehmen fiktionales B2B-Storytelling nutzen kann, um sehr viel Geld zu verdienen.

Miquela Sousa – a.k.a. @lilmiquela – ist ein scheinbar ganz normales Mädchen spanisch-brasilianischer Herkunft. 2016 tauchte die hübsche Influencerin erstmals auf diversen Social Media Kanälen auf. Es war der Beginn einer spannenden Story, deren eigentlicher Höhepunkt erst jetzt, am 17. April 2018, erzählt werden sollte. Die Geschichte von Lil Miquela ist das Meisterstück einer neuen Ära des transmedialen Storytelling. Sie ist aber auch ein faszinierendes Beispiel dafür, wie ein Unternehmen fiktionales B2B-Storytelling nutzen kann, um sehr viel Geld zu verdienen.

„It’s time to support our friends, family and neighbors who came to this country for freedom and opportunity!“, schrieb Miquela Sousa unter einen ihrer Posts.

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Quelle: instagram/lilmiquela

Mit Post wie diesem setzte sich die sommersprossige ultraliberale Lil Miquela auf ihren Social Media Kanälen immer wieder für Flüchtlingsorganisationen, Gun Control, den Black Girls Code und viele weitere sozial engagierte Verbände ein.

Ihr Hauptgeschäft waren aber die zahlreichen Promo-Aktivitäten für Marken wie Kenzo, Adidas oder Prada. Sie inszenierte sie mitten in ihrem It-Girl-Leben und verdiente damit sicherlich viel Geld. Mit ihrem hübschen Gesicht schaffte sie es sogar auf dem Streetwear-Blog „Highsnobiety“, für das sie gekonnt in coolen Markenklamotten modelte. 2017 tauchte sie sogar auf Spotify als Musikerin auf.

Miquela Sousa war in den sozialen Medien omnipräsent. Auf diese Weise hat sich die Influencerin seit ihrem Karriere-Start vor zwei Jahren über 1 Million Follower allein auf Instagram um sich geschart.

Ist sie, ist sie nicht…?

Dabei sorgte ihr merkwürdig SIM-ähnliches Aussehen, gepaart mit ihrem durchaus menschlichen Influencer-Gebaren immer wieder dafür, dass Follower und Hater gleichermaßen rätselten: @lilmiquela, bist du echt? Oder doch nur ein mieser Fake? Diese Frage wurde in der Community leidenschaftlich diskutiert, allerdings ohne dass die ‚Miquelites‘  ihre treue Gefolgschaft jemals ernsthaft in Frage stellten. Am Ende war es ihnen egal. Und auch ihren Sponsoren. Die Story stimmte, als Role-Model funktionierte sie.

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„In trying to realize my truth, I’m trying to learn my fiction…I am still angry and confused and alone.“ Quelle: instagram/lilmiquela

So weit, so normal für die Karriere eines Influencer-It-Girls. Bis zu diesem so ungeheuerlichen Vorfall am 17. April 2018, als @lilmiquelas Account von einer anderen weilblichen Influencerin mit dem klangvollen Namen Bermuda (@bermudaisbae) gehackt, sprich übernommen wurde – und Miquela nach fiesem, mehrtägigen „Streit“ zwischen den beiden gestehen musste: „Ja, ich bin nur ein Robot…“

Gut gegen Böse – ein klassischer Plot mitten in der virtuellen Realität

Um es an dieser Stelle vorwegzunehmen: Das Schicksal von Lil Miquela erzählt sich wie eine gute Walt Disney Geschichte über die Rivalität zweier Protagonisten – und das auf zwei Ebenen: Nicht nur zwischen zwei virtuellen Charakteren, sondern auch auf einer ironischen Ebene zwischen zwei Firmen, die die beiden Robots ins Feld führten.

Bermuda, ein CG-Troll, der offensichtlich Trump’s dunkle Weltsicht durch politische Statements und Aufrufe aktiv unterstützt, wurde geschaffen von einer Company mit dem Namen Cainintelligence. Diese Firma ist laut der eigenen merkwürdig eindimensionalen Website seit 2002 in Sachen Artificial Intelligence unterwegs. Ihr Ziel sei es, AI-Wesen wie Bermuda zu erschaffen und sie für dunkle Zwecke einzusetzen, z.B. um weltweit aufkeimende Rebellionen niederzuschlagen oder für die Alt-Right-Bewegung zu „influencen“.

Screenshot Cainiintelligence WebsiteEine „böse“ Firma also, über die man auf Umwegen erfahren kann, dass sie @lilmiquela ursprünglich als virtuelle Sexsklavin konzipiert hatte, sie aber an eine sich von cainintelligence abspaltende Firma mit dem Namen Brud verlor. Als Revanche für diesen Verlust kreierte Cainintelligence Influencerin Bermuda und setzte sie als AI-Troll ein – mit dem bis zuletzt geheim gehaltenen Ziel: die abtrünnige ultraliberale Lil Miquela mittels Hack im Auftrag der altrechten Bewegung als Lügnerin an die Wand zu stellen. Und nichts aktiviert die Social-Media-Community bekanntermaßen so sehr wie echter „Beef“ zwischen zwei Charakteren.

Das Coming-out einer virtuellen Influencerin

Der Hack des Accounts durch Bermuda endet in einem publikumswirksames Coming-out der besonderen Art für Lil Miquela. Sie bleibt dabei allerdings in ihrer zugewiesenen Rolle. Sie gesteht ihren Followern und auch sich selbst erstmals auf höchst emotionale Art und Weise ein, von einer Firma namens Brud erfunden worden  – und damit also doch nur ein virtuelles Geschöpf zu sein. Sie macht ihren Schöpfern aber auch gleichzeitig zum Vorwurf, dies sogar vor ihr geheim gehalten zu haben.

Im Nachspann, als Epilog dieses Plots sozusagen, entschuldigt sich Brud konsequenterweise bei Lil Miquela mit einem auf einer dafür extra geschaffenen Microsite geposteten Statement dafür, dass sie sie als großartigen Charakter so enttäuscht habe. Allerdings ebenfalls ohne dabei aus ihrer zugewiesenen Rolle in der Story zu fallen.

Haben die Bösen damit gewonnen? So leicht ist die Geschichte nicht erzählt. Ich versuche es mal mit der endgültigen Auflösung, auch wenn ich nicht sicher bin, dieses komokexe Handlungsgeflecht am Ende völlig durchschaut zu haben.

Die Auflösung – der vermeintlich entlarvende Blick hinter die Kulisse

Hinter dem virtuellen AI-Troll Bermuda, so stellt man bei näherer Betrachtung fest, steckt mit Cainintelligence eine offensichtlich ebenfalls nur erfundene virtuelle Firma – erschaffen von derselben Company, die Lil Miquela zum Leben erweckt hat.

Hinter der über zwei Jahre transmedial-konzipierten Story mit ihren Playern steckt also ein einziges Silicon Valley-Start-up. Brud ist nach eigenen, sehr geschickt verklausulierten, rätselhaften Angaben eine Gruppe von in Los Angeles ansässigen „Problemlösern“, die sich auf Robotik, künstliche Intelligenz und ihre Anwendungen für Medienunternehmen spezialisiert haben.

Eine neue Ära des transmedialen Storytelling hat begonnen

Soziale und klassische Medien (sogar das ZDF) überschlagen sich in diesen Tagen ob dieses PR-Stunts des Media-Start-ups, das damit viel verdiente Aufmerksamkeit für sich und seinen innovativen Umgang mit Medien bekommt. Es ist aber weit mehr als ein PR-Stunt. Es ist der Beweis, dass im Storytelling eine neue Ära begonnen hat.

Miquela Sousa Timeline
https://en.wikipedia.org/wiki/Lil_Miquela

Transmediales Storytelling auf sozialen Plattformen

Der Erfolg dieser inszenierten „Seifenoper“ baut nicht zuletzt darauf, dass Menschen inzwischen Dank digitalem Zeitalter Geschichten anders sehen, hören und lesen können. Der Fall Miquela Sousa ist ein Vorgeschmack darauf, wie nichtlineares und plattformübergreifendes Storytelling uns in Zukunft begleiten wird – und wir uns daran mehr und mehr gewöhnen werden.

Brud haben die Story rund um die ihre CG- (und übrigens weitere) Influencer an diesem Mediennutzungsverhalten konsequent ausgerichtet und durch den ständigen Fluss von Inhalten, die als Stories auf sozialen Plattformen bereitgestellt wurden, unterstützt.

Komplettiert wird der Erfolg durch die Tatsache, dass soziale Kanäle inzwischen einen großen Einfluss darauf haben, wie wir Medien konsumieren: Das jahrelange Drama gab sichtlich verwirrten, aber neugierigen Social-Media-Nutzern die Möglichkeit, in die Story einzusteigen. Sie konnten Kommentare lesen, sich ihre eigene Meinungen bilden und das, was als nächstes in der Geschichte passiert, über Jahre hinweg mit gestalten.

Aber nicht nur das.

B2B-Storytelling für ein neues Geschäft mit virtuellen Influencern und AI-Robots

Mit ihren beiden virtuellen Influencern konnte Brud perfekt beweisen, dass Menschen ermutigt werden können und bereit sind, mit Artificial Intelligence in einem öffentlichen Raum zu interagieren. Als Mediacompany oder was es am Ende ist, dürfte Brud mit dieser Erfolgsstory den roten Teppich für Investoren in ihr Geschäft mit virtuellen und AI-gesteuerten Influencern ausgerollt haben.

Denn die Zielgruppe der ganzen fiktiven Geschichte waren am Ende nicht die ‚Miquelites‘. Sie waren nur Mittel zum Zweck. Es sind Investoren, die nach dieser Story mehr denn je bereit sein dürften, in ein Geschäft mit virtuellen Online-Charakteren oder AI-Robots in der realen Welt zu investieren.

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