Was Marken vom Nürnberger Kreuzworträtsel-Gate für ihr #BrandStorytelling lernen können #InsertWords

Gute Geschichten haben stets einen Konflikt, der gelöst werden muss. Das beste Beispiel dafür sind zwei ältere Damen und ihr jeweils sehr individueller Umgang mit einem Kunstwerk. Die eine vervollständigt es, die andere „restauriert“ es. Bei der einen wird es eine großartige Brand Story, bei der anderen nicht. Anhand dieser beiden Geschichten können Marken und Unternehmen lernen, wie aus Non-Fiktionalem-Storytelling großartiges Brandstorytelling wird.

„Insert Words so it suits“

So lautet die Aufforderung des Kunstwerks „Reading/Work-Piece (Collage/1965)“ in Form eines Kreuzworträtsels des 1977 gestorbenen Fluxuskünstlers Arthur Köpcke im Neuen Museum Nürnberg.

Arthur Koepcke Reading Work-Piece(a),1965_Foto Neues Museum (Annette Kradisch)

Arthur Koepcke Reading Work-Piece(a),1965_Foto Neues Museum (Annette Kradisch)

„Gesagt, getan“, dachte sich am 13. Juli 2016 die 91-jährige Rentnerin Hannelore K.. Mit einem Kugelschreiber begann die ehemalige Zahnärztin das Kreuzworträtsel, welches vom Künstler schon zum Teil vorausgefüllt war, zu vervollständigen. Museumsmitarbeiter hielten sie vom weiteren Ausfüllen des Kreuzworträtsels ab. Es folgte eine Strafanzeige wegen des Verdachts der „gemeinschädlichen Sachbeschädigung“. Versicherungswert des Kunstwerks: 80.000 Euro.

Non Fictional Storytelling – so weit, so…

„Durch sofort eingeleitete restauratorische Arbeiten konnte die Schrift mit Lösungsmitteln rückstandsfrei entfernt werden“, lautete es in einer Pressemitteilung des Museums vom 22. Juli 2016. „Wir sind sehr erleichtert hierüber. Die Schadenssumme beläuft sich somit auf einen niedrigen Betrag, der im dreistelligen Bereich angesiedelt ist“, so Museumsdirektorin Eva Kraus.

Soweit die wahre Geschichte, so gut der Teil des Non-Fiktionalen Storytellings.

In einem Interview mit der BILD AM SONNTAG (17.07.2016) erkannte die Seniorin aber bereits  weitsichtig die Chance des Brand-Storytelling für das Neue Museum Nürnberg: „Jetzt ist das Bild doch erst was wert, weil es so bekannt geworden ist durch mich. Jetzt ist es eben 100.000 Euro wert!“
Stimmt, wenn das von ihr ergänzte Kunstwerk vom Neuen Museum Nürnberg genau so erhalten worden wäre.
Denn das Museum hatte aufgrund dieser genialen Story bereits jetzt ein hohes kostenloses mediales Echo und starkes Interesse am Kunstwerk erhalten.

Chance leider vertan

Im Soge dieser Aufmerksamkeit hätte das Museum die Möglichkeit nutzen können, den Besuchern das „nachbearbeitete“ Werk als neue zusätzliche Attraktion zu präsentieren. Die Anziehungskraft und Attraktivität des Neuen Museums Nürnberg wären dadurch deutlich erhöht worden. 

Warum ließ man sich nicht zu anderem Tun inspirieren? Ein mittlerweile berühmter ähnlicher Fall zeigt, wie man aus einer Non-Fiktionalen Geschichte eine erfolgreiche Brand-Story kreieren kann.

fresko-borja

Die Malerei „Ecce homo“ stammt aus dem 19. Jahrhundert und wird dem Maler Elias Garcia Martinez zugeschrieben.

Die Geschichte eines „sehr behaarten Affen“.

Das Jahr 2012, Ort: die Kirche „Iglesia del Santuario de la Misericordia“ in der spanischen Ortschaft Borja bei Saragossa. Die über achtzigjährige Rentnerin Cecilia Giménez übermalt mit besten Absichten ein zunehmend vom Zerfall gezeichnetes Jesus-Fresko aus dem 19. Jahrhundert. Ergebnis: Statt Jesus Antlitz erkennt man laut Kunstexperten nun einen „sehr behaarten Affen“.

Die örtlichen Behörden schlossen vorerst ein rechtliches Vorgehen gegen die Rentnerin nicht aus. Jedoch entwickelte sich die Story überraschend zu einem der meist kommentierten Themen des Sommers 2012 in Spanien, in Europa, in der ganzen Welt!

Deshalb wurde die von Cecilia Giménez „restaurierte“ Wandmalerei „Ecce Homo“ des spanischen Künstlers Elías García Martínez nicht in den alten Zustand zurückgebracht, wie es im Falle der Collage im Neuen Museum Nürnberg der Fall war. Vielmehr blieb sie so wie sie nun war und wurde damit erst zu einer weltweiten Touristenattraktion.

Die Pointe

Über 150.000 Besucher aus aller Welt haben das „Kunstwerk“ seitdem besucht.

Der überpinselte Jesus von Borja wurde mit hunderten Photoshop-Montagen zum Internet-Hit. Die Kirche lässt sich ihr „Kunstverständnis“ mit einem Euro Eintritt bezahlen.

Und die Pointe für die Hobby-Restauratorin Cecilia Giménez? Sie ist als Urheberin des  „Monchichi-Jesus“ an den Einnahmen beteiligt und hat für die Kirche Santuario de Misericordia und die Ortschaft Borja eine großartige Brand Story kreiert!